25. November 2009

Freiheit

Herr Hanser war auf dem Weg zum Bahnhof. Seine Schritte waren eilig und sein langer Mantel flatterte im Wind. Sein Blick war fest auf den großen Bau mit den grauen Säulen gerichtet. Die Hände in den Taschen des Mantels waren zu Fäusten verkrampft. Er musste diesen Zug erreichen.
Warum war der Bahnhof dort auf der anderen Straßenseite? Welche Menschen hatten vor Jahrzehnten das Sakrileg begangen, die Bestimmung seines Lebens dort zu erbauen? Wie hatten sie es sich erlauben können, ihm sein Leben zu versagen? Heute würde der Tag sein, an dem sie erkennen würden, dass sie sich in ihm geirrt hatten.
Auf dem Zebrastreifen begegnete er einer Frau mit einer braunen Handtasche. Er ahnte, dass ihr Schicksal sich im nächsten Moment ändern würde, natürlich durch ihre eigene Schuld. Sie stolperte über einen losen Pflasterstein und fiel zu Boden. Herr Hanser eilte an ihr vorbei. Seine Hände schmerzten.
Er strebte dem engen Eingangsportal entgegen. Aus den Augenwinkeln sah er er einen jungen Mann mit hellbraunen Haaren, der auf demselben Weg zum Ziel strebte. Sein schwarzer Rucksack weckte eine Erinnerung in Herr Hanser. Kannte er diesen jungen Mann? Vielleicht war er einer der Praktikanten im Büro. Diesmal war die Ahnung von den kommenden Ereignissen stärker und ein kleiner, übrig gebliebener Teil von Herr Hanser spürte Verwunderung. Aber nur der Zug war wichtig und der junge Mann würde ihn nicht aufhalten. Mit der Schulter schob Herr Hanser ihn zur Seite und er hörte noch, wie der junge Mann empört aufschrie.
Die weite Bahnhofshalle erstreckte sich vor Herr Hanser. Zahlreiche Menschen bewegten sich auf die Bahnsteige zu und ganz in der Ferne sah er seinen Zug. Seine Füße trafen in schnellerem Takt auf den Boden und sein Atem ging keuchend. Er schob sich vor in die erste Reihe der eilenden Menschen. Plötzlich wusste er, dass er es nicht schaffen würde. Seine Hände wurden taub, sein Gesicht verzerrte sich in einem frustrierten Ausbruch nutzloser Emotion.
Kurz vor der Schiebe-Tür des Zuges stolperte auch er, fiel auf den Boden, sah die Tür sich verschließen und sein Ziel wieder einmal in unerreichbare Ferne rücken. Aber diesen Moment nahm Herr Hanser nicht mehr wahr.
Die Farben in der Bahnhofshalle begannen auszubleichen, Menschen und Gegenstände verloren ihre Konturen und lösten sich auf. Übrig blieb nur das aufgehende Schwarz eines leeren Computerbildschirms.
"Spielen sie es nochmal ab."
Der Techniker blickte den Sicherheitsbeamten von der namenlosen Behörde an und nickte. Mit einem Klick begann der wenige Momente währende Tag von Herrn Hanser erneut, auf ewig gebannt in den kalten Dateien des Computers.

2. November 2009

Die zweite Verabredung

Das Gespräch mit der Frau in dem teuren Kostüm endete am frühen Nachmittag. Er nahm den Aktenkoffer an sich und verließ den großen Speisesaal. Die Messehallen waren immer noch von vielen Besuchern überschwemmt und er hatte Mühe sich dem Ausgang zu nähern. Sein Blick streifte kurz eine Gruppe von in rote Gewänder gehüllten Kindern, die unter der strengen Anleitung mehrerer Erwachsener ein Bühnenstück aufführten. Die Frau in dem teuren Kostüm hatte oft von Kindern gesprochen. Es war natürlich nur ein Auftrag. Was gingen ihn die Kinder dieses Landes an?
Er trat hinaus auf den Parkplatz ins grelle Sonnenlicht und schaute auf die Uhr. Seine zweite Verabredung würde bald stattfinden. Der Fahrer, der ihn abholte, war rot gekleidet und stellte keine Fragen. Menschen wie der Mann mit dem Aktenkoffer waren die freien Boten in einem hermetischen System. Sie konnten sich zwischen den Farben des Landes bewegen und ihre Dienste waren immer erwünscht.
Er stieg aus dem schwarzen Wagen und stand vor einem kleinen Straßencafé. Nichts wies daraufhin, dass er zwischen Welten gewechselt war. Er empfand leichte Verwunderung, als er ungehindert durch die Eingangstür trat. Erwartete es niemand? Kurz erinnerte er sich, dass er nicht immer zwischen den Welten gestanden hatte. Aber es war nur ein Auftrag.
Seine zweite Verabredung war ein kleiner Tisch im Zentrum des dicht besetzten Etablissements. Die Stühle waren mit Punkten in grüner Farbe markiert. Er stellte den Aktenkoffer ab und bewegte sich gelassen zum Ausgang. Er war ein Mensch ohne Bestimmung.
Die Explosion erschütterte das ganze Stadtviertel und malte rote Farbe auf den Bürgersteig vor dem Café. Morgen würde es ein anderer Auftrag sein. Eine andere Frau, ein anderes Ziel. Aber immer rot und grün.

11. September 2009

Qualität eines Films

Neulich war ich mit einem guten Freund im Kino. Der letzte Film von und mit Clint Eastwood, "Gran Torino", hat uns sehr gefallen. Vor allem der hintergründige Humor in einem Film mit doch sehr ernstem Thema sagte uns sehr zu und die schauspielerische Leistung des alten Haudegen war überragend. Nach der Vorstellung bemängelte mein Freund jedoch, dass die Geschichte zu vorhersehbar gewesen sei. Eine Kritik, die mich nicht mehr losgelassen hat.
Wenn ich genau darüber nachdenke, dann komme ich zu dem Schluss, dass er recht hat. Wie die Charaktere in dem Film sich verhalten, wie sie einander begegnen, welche Gedanken sie äußern, die gesamte Situation, all dies sind Indizien für das Ende des Films. Wie könnte es auch anders sein? Ein guter Film ist logisch erzählt. Wenn nicht am Anfang die Voraussetzungen für den weiteren Verlauf erfüllt sind, würden wir den Film absurd oder sogar schlecht erzählt nennen. Und doch bemängelte mein Freund die daraus entstehende Vorhersehbarkeit.
Obwohl ich diese Kritik nachvollziehen kann, bin ich während des Films niemals auf die Idee gekommen über sein Ende zu spekulieren. Ich habe sogar vergessen, dass ich gerade einen Film ansehe und über Möglichkeiten verfüge dieses Medium gedanklich zu analysieren. Entweder bin ich ein naiver Zuschauer, der das Gesehene nicht abstrahieren kann, oder ich habe die wahre Qualität dieses Films gespürt: Er ließ mich seine Vorhersehbarkeit vergessen.